Vom Wasser zu den Sternen

Als ich im Zuge der Recherche unserer Swatosch-Linie auf den Herkunftsort einiger Vorfahren namens Lindewiese [=Lipova-lazne] stieß, war ich gespannt, ob sich eine Verbindung zu dem dort tätigen Naturheiler Johann Schroth findet, der noch heute durch die nach ihm benannte Schrothkur bekannt ist.

In feuchter Wärme gedeiht Holz, Frucht und Wein, selbst Fleisch und Bein

Johann Schroth (1798-1856)
Quelle: Gorics | https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Johann_Schroth.jpg | CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

Letztlich fand sich keine verwandtschaftliche Beziehung zu ihm aber gleich zwei zu seinem Schulkameraden und zeitgleich im Nachbarort Gräfenberg [=Lazne Jesenik] im Bereich der Kaltwasseranwendungen praktizierenden Naturheiler Vinzenz Prießnitz.

Zur Kur gehört Charakter

Vinzenz Prießnitz (1799-1851)
Quelle: Unknown author | https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Vinzenz_Prie%C3%9Fnitz.jpg | Public domain

Während sich unter den zeitgenössischen Anhängern der beiden eine deutliche Konkurrenz bis hin zu Feindschaften bildete, sahen sich die „Wasserdoktoren“ selbst aber nicht als Konkurrenten, sondern waren eher der Ansicht, dass ihre jeweilige Methode, die in Teilen sogar gegensätzliche Anwendungen beinhalteten, sich ergänzen, je nach Persönlichkeit des Patienten und seinem Krankheitsbild.

Zu den beiden „Naturärzten“, ihren individuellen Methoden und den Akzeptanzschwierigkeiten der Schulmediziner sowie zu den Wasserquellen in der Region Freiwaldau [=Jesenik] wurde vieles geschrieben und veröffentlicht, wer sich hierzu weiter informieren möchte, dem sei ein Blick in die unten angefügte Literaturliste empfohlen. Man findet in den Quellen auch divergierende Positionen zu der Frage, ob und wie weit Sebastian Kneipp, der wohl bekannteste Protagonist der Kaltwasserkuren, von den beiden Naturheilern aus der Altvaterregion „inspiriert“ wurde.

In diesem Artikel soll es aber nicht um die Hydrotherapie, sondern um die Genealogie von Vinzenz Prießnitz gehen, insbesondere zu der seiner Mutter Maria Theresia Eva Kappel.


Die früheste mir bekannte Ahnentafel von Vinzenz Prießnitz stammt von Professor Josef Ehrlich aus dem Jahr 1933 und wurde im 5. Jahrgang der „Sudetendeutschen Familienforschung“ veröffentlicht. Diese Übersicht reflektiert wesentlich die väterliche Linie, ist diesbezüglich aber fehlerbehaftet. Zur mütterlichen Linie wird lediglich angemerkt, dass man in Lindewiese nichts über die Herkunft der Großeltern von Vinzenz Prießnitz festgestellt hätte und zur Mitarbeit eingeladen.

In der väterlichen Linie hat Vinzenz Prießnitz eine Ahnengemeinschaft mit dem Arzt und schlesischen Bauernbefreier Hans Kudlich, dessen Ahnentafel bereits 1929 im 1. Jahrgang der „Sudetendeutschen Familienforschung“ veröffentlicht wurde.

Hans Kudlich (1823-1917)

Quelle: Eduard Kaiser | https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hans_Kudlich.jpg | Public domain

Seine Vorfahren sind zudem 1956 von Albert Sauter im Altvaterboten IV. Band weitaus umfänglicher beschrieben und kurz darauf auf Grundlage eines Leserbriefes von Rudolf Prießnitz nochmals präzisiert worden.

Zu den väterlichen Vorfahren von Vinzenz Prießnitz ergibt sich damit folgende Darstellung…

Weitaus übersichtlicher war der von mir vorgefundene Forschungsstand zu seiner Mutter Maria Theresia Eva Kappel, der mit dem Kirchenbucheintrag der Trauung ihrer Eltern Hannß Georg Kappel, einem Huf- und Waffenschmied und seiner Frau Anna Barbara Heidenreich – beide aus Lindewiese – in Freiwaldau am 29. Februar 1753 endete. Dass 1753 kein Schaltjahr war, sei nur am Rande erwähnt.

Es gibt in Teilen noch einige Ungereimtheiten und letztendliche Beweise fehlen dort, jedoch zeichnet sich offensichtlich das hier beschriebene Bild.

Hinweise und Korrekturvorschläge werden gerne entgegengenommen.

Da in unserer Swatosch-Linie eine Huf- bzw. Waffenschmiede-Familie mit dem Namen Kappel, aus dem zu jener Zeit vergleichsweise kleinen Lindewiese vorkommt, lag eine Verbindung auf der Hand. Zudem gibt es unter unseren Vorfahren auch Lindewiesner mit dem Namen Heidenreich. Also habe ich mir diese beiden Familiennamen in Nieder- und Oberlindewiese einmal genauer angesehen.


Unsere Vorfahrin Theresia Schweidler, die 1821 den Reihwiesner [=Rejviz] Gärtler Andreas Walmickus Tschanter geheiratet hat, stammte aus Niederlindewiese. Ihre Urgroßmutter war Marina Kappel, die 1695 geborene Tochter des dortigen Hufschmiedemeisters Georg Kappel. Georgs Vater Melchior Kappel, der Stammvater dieser Linie, war ebenfalls Schmied und starb 1698 im Alter von 75 Jahren.

Ein Gärtler, in anderen Orten auch Gärtner, war in der Altvaterregion ein Bauer mit bescheidenem Haus- und Grundbesitz. Großgärtler waren Einwohner, die 20 und mehr Metzen besaßen, knapp vier Hektar. Gärtler hatten im Vergleich zu Bauern deutlich eingeschränkte Rechte und waren meist viel ärmer. Nachdem sie ihren Besitz an die Erben übergeben oder verkauft hatten, lebten sie oft weiter im gleichen Haus, dem sogenannten Ausgedinge und wurden vom neuen Besitzer mit versorgt. Sie wurden dann als Gärtlerauszügler bezeichnet.

Marinas 1698 geborener Bruder Georg wurde ebenso Hufschmied, heiratete 1725 Maria Magdalena, die Tochter des Melchior Güntschel, einem Hufschmied aus Freiwaldau Freiheit. Die beiden lebten wohl zunächst in Adelsdorf, wo Georg als Hufschmied tätig war und 1726 der erste Sohn Hannß Georg – der Großvater von Vinzenz Prießnitz – geboren wird. Womöglich wurde bei der Erarbeitung der Prießnitz-Ahnentafel von 1933 nur in Lindewiese gesucht und deshalb keine Taufe von Hannß Georg Kappel gefunden.

Später zog die Familie nach Niederlindewiese, vermutlich hat Georg die dortige Schmiede vom 1736 verstorbenen Vater übernommen. Die jüngeren Kinder kamen dort zur Welt, auch 1759 Maria Theresia Eva, die Mutter von Vinzenz Prießnitz. Ihr Vater Hanns Georg verstarb 1786. Zwischen dem errechneten Geburtsjahr und dem Taufeintrag besteht eine Abweichung von 6 Jahren. Eine sonstige mögliche Taufe wurde in den Kirchenbüchern des Kirchspiels Freiwaldau aber nicht gefunden.

Maria Theresia Eva starb 1825, dass sie von einem Stier zu Tode gestoßen wurde, ist ein in der Literatur häufig erwähnter Aspekt.

Zur Großmutter von Vinzenz Prißnitz mütterlicherseits, Anna Barbara Heidenreich, konnte auch ich keine konkreten Angaben zu Taufe oder Bestattung finden. Im Taufeintrag der Tochter Maria Theresia Eva ist sie mit dem Vornamen Anna Barbara, im Heiratseintrag als Barbara, des verstorbenen Friedrich Heidenreichs, gewesener Großgärtner in Lindewiese Tochter bezeichnet.

Zu vermuten ist, dass sie eine Tochter des Gärtners Friedrich Heidenreich aus Thomasdorf und der Hedwig Drescher aus Oberlindewiese war, die 1723 in Freiwaldau geheiratet haben.

Bis 1730 wurden die Kinder der beiden in Thomasdorf, ab dann in Oberlindewiese geboren.

Unser Vorfahre Friedrich – 1740 bei der Taufe als Johannes Franziskus bezeichnet – dürfte somit der jüngere Bruder von Anna Barbara gewesen sein. Aufgrund der sonstigen Daten und der bekannten Kindesfolge wurde sie vermutlich 1726 oder Anfang 1727 noch in Thomasdorf geboren. Später ist die Familie dann nach Oberlindewiese gezogen, dem Heimatort der Mutter Hedwig.

Die Vorfahren von Friedrich Heidenreich lassen sich in Thomasdorf bis ca. 1639, die von Hedwig Drescher in Oberlindewiese bis vor 1631 zurückverfolgen.

Somit ergibt sich das Bild der mütterlichen Vorfahren von Vinzenz Prießnitz wie folgt…


In der Karte ist die Lage der genannten Orte dargestellt. Dabei wurden auch die beiden Herkunftsorte der bekannten Vorfahren von Vinzenz Prießnitzes Ehefrau Sophia, ebenfalls eine geborene Prießnitz, Böhmischdorf [= Ceska Ves] und Buchelsdorf [=Bukovice] aufgenommen. Die bekannten Vorfahren von Vinzenz Prießnitzes Vater stammen alle aus Freiwaldau und Gräfenberg.

KML-LogoFullscreen-LogoGeoRSS-Logo
Prießnitz Genealogie

Karte wird geladen - bitte warten...

Reihwiesen: 50.229693, 17.306900
Böhmischdorf: 50.257550, 17.228236
Adelsdorf: 50.198986, 17.193990
Thomasdorf: 50.180742, 17.199440
Buchelsdorf: 50.213653, 17.201843
Niederlindewiese: 50.227864, 17.140560
Oberlindewiese: 50.223978, 17.096057
Freiwaldau: 50.229348, 17.204676
Gräfenberg: 50.240806, 17.188320

Weitere Details können der genealogischen Datenbank entnommen werden, in der aufgrund meiner Veröffentlichungsgrundsätze Vinzenz Prießnitz und seine Eltern jedoch nicht enthalten sind.

In der engeren verwandtschaftlichen Beziehung sind Vinzenz Prießnitz und die derzeit jüngsten Sterns zweite Cousins siebten Grades, ihre gemeinsamen Ahnen sind Friedrich Heidenreich und Hedwig Drescher.


Interessant aus Sicht der Familie Stern mit ihren Wurzeln in Hessen-Nassau ist, dass Hans Ripper, der Schwiegersohn von Vinzenz Prießnitz – er war mit der Tochter Marie verheiratet – in Gräfenberg den Nassauer Weg angelegt hat, den die herzogliche Familie gestiftet hat. Er wurde vom Herzog von Nassau mit einem Orden ausgezeichnet. Hierzu wird die Lektüre der Aufsätze „Herzog Adolph von Nassau und die Kurstadt Königstein – ein ambivalentes Verhältnis“ von Dr. Christof Loch sowie „Vinzenz Priessnitz, Begründer des Wasserheilverfahrens“ von Adolf Kettener empfohlen.


Quellen:

Autor(en) / HerausgeberTitelVerlag / AngebotJahrISBNAnmerkungen
Prof. Ehrlich, JosefSudetendeutsche Familienforschung - 5. Jahrgang 1932-1933, Seite 172Herausgeber: Vereinigung Sudetendeutscher Familienforscher e.V. (VSFF)1933-Online verfügbar (externer Link)
Fitz, Rudolf u.a.Freiwaldau-Gräfenberg | Die Kurstadt im Altvatergebirge und die Dörfer im oberen Bieletal | Ein HeimatbuchHeimatgruppe Freiwaldau / Altvater, Kirchheim unter Teck1987ohne-
Gröger, ErwinEin Spaziergang im Quellengebiet von FreiwaldauDer Altvaterbote II. Band, Seiten 187 ff.1951ohne-
Kaczorowski, WłodzimierzPriessnitz, VincenzKulturportal West-Ostaufgerufen 14. September 2020--
Kettener, AdolfVinzenz Priessnitz, Begründer des WasserheilverfahrensDer Altvaterbote II. Band, Seiten 171 ff.1951 (Nachdruck)ohne-
Kudlich, WalterSudetendeutsche Familienforschung (SFF) - 1. Jahrgang 1928-1929, Seite 81Herausgeber: Vereinigung Sudetendeutscher Familienforscher e.V. (VSFF)1929-Online verfügbar (externer Link)
Dr. Loch, ChristofHerzog Adolph von Nassau und die Kurstadt Königstein – ein ambivalentes VerhältnisBurgverein Königstein e.V.aufgerufen 14. September 2020ohne-
Metcalf, RichardLife of Vincent Priessnitz, founder of hydropathySimpkin, Marshall, Hamilton, Kent & Co. LTD, London1898ohneOnline verfügbar (externer Link)
Dr. Neugebauer, AlexanderGräfenberg vor und nach dem ersten WeltkriegDer Altvaterbote II. Band, Seiten 191 ff.1951ohne-
Dr. Neugebauer, AlexanderVinzenz Priessnitz - Zur 100. Wiederkehr des Todestages.Der Altvaterbote II. Band, Seiten 182 ff.1951ohne-
Reimann, WolfgangJohann Schroth - Leben und WirkungAschendorff, Münster201913 9783402133842-
Sauter, AlbertAhnengeschichte Hans KudlichsDer Altvaterbote IV. Band, Seiten 79 ff.1956ohne-
Sauter, AlbertAnmerkungen zur Ahnengeschichte Hans KudlichsDer Altvaterbote IV. Band, Seiten 111 f.1956ohne-
Scholz, HugoErbe und Geheimnis des Naturarztes Johann SchrothAllgäuer Zeitungsverlag, Kempten1981388006069X-
Scholz, HugoHeilendes Wasser. Ein Roman um Vinzenz PrießnitzManz-Verlag, Müncheno.J.ohne-
Scholz, HugoZuflucht bei Johann Schroth - Die grosse HeilungAllgäuer Zeitungsverlag, Kempten19763880060231-
Dr, Selinger, Engelbert MaximilianVincenz Priessnitz - eine LebensbeschreibungCarl Herold und Sohn, Wien1852ohneOnline verfügbar (externer Link)
Autoren, siehe jeweiliges MediumWikimedia CommonsWikimedia Foundation Inc.
149 New Montgomery Street Floor 6
San Francisco, CA 94105
USA
--Die Autoren und Lizenzen sind bei den eingebunden Bildern vermerkt.
Autoren, siehe jeweilige VersionsgeschichteWikipedia, Die freie EnzyklopädieWikimedia Foundation Inc.
149 New Montgomery Street Floor 6
San Francisco, CA 94105
USA
--Die verwendeten Artikel sind im Beitrag verlinkt.
-Das Geschichtliche Orts-VerzeichnisCompGen
Verein für Computergenealogie e. V.
Geschäftsstelle
c/o Horst Reinhardt
Piccoloministraße 397a
51067 Köln
--Die verwendeten Artikel sind im Beitrag verlinkt.
-KirchenbuchmatrikelDigitales Archiv des Landesarchivs in Opava---
Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk ist lizenziert unter einer CC BY-NC-SA 4.0 Lizenz. Ggf. zu beachtende andere Lizenzrechte bleiben hiervon unberührt. Dies gilt insbesondere für Fotos aus Kirchenbüchern und die Verwendung unseres Familienwappens (siehe Impressum)!
This work is licensed under a CC BY-NC-SA 4.0 License. If applicable, other license rights remain unaffected. This applies in particular to photos from church books and the use of our family coat of arms (please refer to the imprint)!
Copyright © by Jens-Peter Stern | familie-stern.de